Die klassische Rhetorik unterscheidet verschiedene Arten rhetorischer Figuren. Einige Figuren entstehen aus der sprachlichen Form, andere aus der Struktur des Gedankens selbst. Genau hier setzt der Begriff figurae sententiarum an.

Wer rhetorische Texte analysiert oder selbst überzeugend formulieren möchte, sollte diese Unterscheidung verstehen. Sie zeigt, dass rhetorische Wirkung nicht nur durch klangvolle Formulierungen entsteht, sondern ebenso durch die Art, wie Gedanken aufgebaut, zugespitzt oder perspektivisch verändert werden.

Was bedeutet der Begriff figurae sententiarum?

Der lateinische Ausdruck figurae sententiarum bedeutet wörtlich „Figuren der Gedanken“.

Gemeint sind rhetorische Figuren, deren Wirkung nicht aus der sprachlichen Form entsteht, sondern aus der gedanklichen Struktur einer Aussage. Eine Gedankenfigur verändert also die Perspektive, den Aufbau oder die argumentative Spannung eines Gedankens.

Der gedankliche Gehalt einer Aussage wird dadurch sichtbar gemacht, zugespitzt oder in eine bestimmte Richtung gelenkt. Die sprachliche Form kann dabei schlicht bleiben. Entscheidend ist die Art der gedanklichen Führung.

Die deutsche Arbeitsübersetzung lautet deshalb häufig Gedankenfiguren.

Einordnung in die Rhetorik

Die Unterscheidung zwischen Wortfiguren und Gedankenfiguren gehört zur klassischen Stiltheorie der antiken Rhetorik.

In der antiken Lehrtradition werden rhetorische Figuren häufig in zwei Hauptgruppen eingeteilt:

figurae verborum – Figuren der sprachlichen Form
figurae sententiarum – Figuren des Gedankens

Während Wortfiguren durch Klang, Wortstellung oder Wiederholung wirken, entstehen Gedankenfiguren durch argumentative oder perspektivische Gestaltung.

Diese Figuren gehören – ebenso wie Wortfiguren – zur rhetorischen Arbeitsphase der Elocutio, also zur sprachlichen und stilistischen Ausgestaltung eines Gedankens. Allerdings greifen Gedankenfiguren stärker in die Struktur des Gedankens selbst ein.

Funktion des Begriffs

Gedankenfiguren erfüllen mehrere wichtige Aufgaben in der rhetorischen Kommunikation.

Erstens können sie Gedanken zuspitzen. Durch eine rhetorische Frage, einen Gegensatz oder eine überraschende Wendung wird ein Gedanke klarer und prägnanter.

Zweitens helfen sie dabei, Perspektiven sichtbar zu machen. Eine Antithese oder ein Vergleich kann zeigen, wie sich zwei Positionen zueinander verhalten.

Drittens erzeugen Gedankenfiguren intellektuelle Spannung. Sie führen Leser oder Zuhörer durch eine gedankliche Bewegung, etwa durch eine überraschende Gegenüberstellung oder eine paradoxe Aussage.

Schließlich unterstützen sie die Argumentation. Gedankenfiguren können Einwände aufnehmen, Fragen formulieren oder Schlussfolgerungen verdeutlichen.

Zentrale Merkmale

Mehrere Eigenschaften kennzeichnen figurae sententiarum.

Ein erstes Merkmal liegt in der gedanklichen Wirkung. Die Figur entsteht aus der Struktur des Gedankens und nicht aus der Form einzelner Wörter.

Ein zweites Merkmal besteht darin, dass Gedankenfiguren häufig eine argumentative Funktion besitzen. Sie lenken Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Zusammenhang oder machen eine logische Beziehung sichtbar.

Ein drittes Merkmal betrifft die Unabhängigkeit von sprachlicher Form. Eine Gedankenfigur kann in unterschiedlichen sprachlichen Formulierungen erscheinen, ohne ihre grundlegende Struktur zu verlieren.

Schließlich sind Gedankenfiguren oft eng mit der Dramaturgie eines Gedankens verbunden. Sie erzeugen Spannung, Kontrast oder gedankliche Bewegung.

Abgrenzung zu benachbarten Begriffen

Der wichtigste Gegenbegriff lautet figurae verborum.

Dieser Ausdruck bezeichnet Figuren der sprachlichen Form. Alliteration, Anapher oder Parallelismus gehören zu dieser Gruppe, weil ihre Wirkung aus der Struktur der Sprache entsteht.

Gedankenfiguren hingegen wirken auf einer anderen Ebene. Sie verändern die Art des Denkens innerhalb eines Satzes oder Textes.

Auch gegenüber dem allgemeinen Begriff rhetorische Figuren besitzt figurae sententiarum eine spezifische Bedeutung. Der Oberbegriff umfasst sowohl Wortfiguren als auch Gedankenfiguren.

Beispiel

Ein typisches Beispiel für eine Gedankenfigur ist die rhetorische Frage.

Wenn eine Sprecherin oder ein Sprecher fragt:

„Wer wollte behaupten, dass dieses Problem unbedeutend ist?“

dann dient diese Frage nicht dazu, eine Antwort zu erhalten. Die Frage lenkt vielmehr die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Einschätzung. Der Gedanke wird dadurch zugespitzt.

Auch die Antithese gehört häufig zu den Gedankenfiguren. Sie stellt zwei gegensätzliche Aussagen gegenüber, um einen Gedanken klarer hervortreten zu lassen.

Bedeutung für die heutige Praxis

Gedankenfiguren spielen auch in moderner Kommunikation eine wichtige Rolle. In politischen Reden, journalistischen Texten, Essays oder Präsentationen helfen sie dabei, Argumente klarer und spannender zu entwickeln.

Eine rhetorische Frage kann Aufmerksamkeit erzeugen, ein Gegensatz kann eine Position schärfen, und ein paradox formulierter Gedanke kann eine neue Perspektive eröffnen.

Gerade in analytischen oder argumentativen Texten zeigt sich, dass rhetorische Wirkung nicht nur aus stilistischen Formulierungen entsteht. Sie entsteht ebenso aus der Art, wie Gedanken geführt werden.

Siehe auch

figurae verborum
Elocutio
Anapher
Parallelismus
rhetorische Figuren


FAQ

Was bedeutet figurae sententiarum auf Deutsch?
Der lateinische Ausdruck bedeutet „Figuren der Gedanken“. Gemeint sind rhetorische Figuren, deren Wirkung aus der gedanklichen Struktur einer Aussage entsteht.

Was ist der Unterschied zwischen figurae sententiarum und figurae verborum?
Figurae sententiarum wirken auf der Ebene des Gedankens. Figurae verborum wirken auf der Ebene der sprachlichen Form.

Welche Beispiele gibt es für Gedankenfiguren?
Typische Beispiele sind rhetorische Fragen, Antithesen, paradoxe Aussagen oder gedankliche Zuspitzungen.

Warum sind Gedankenfiguren in der Rhetorik wichtig?
Gedankenfiguren strukturieren Argumente, erzeugen Spannung und helfen dabei, Perspektiven und Gegensätze klar sichtbar zu machen.

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