#Rhetoriktipp 76 Leidenschaft ist der beste Wegbegleiter für Redner

 

Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache – da steht der Mensch nackter als im Sonnenbad.

Quelle: Kurt Tucholsky: Ratschläge für einen guten Redner, 1930

Sollte ein Redner Gefühle spielen?

Rhetorikerin Judith Torma beantwortet Ihre Fragen zur RhetorikSobald wir uns vor eine Gruppe stellen und den Mund öffnen, „machen wir uns nackt“. Wir setzen uns den Blicken aus, werden gehört und gesehen, na klar, aber auch gerochen und ganz genau unter die Lupe genommen. Wir, die Redner, sitzen auf dem Präsentierteller. Derweil überlegen die Zuhörer noch, ob Sie uns zum Anknabbern finden oder lieber etwas anderes von der Speisekarte bestellen.

Unsere Leidenschaft, die Effekte, welche Rednerinnen und Redner einsetzen, werden ebenso genau unters Mikroskop gelegt. Schauspieler lernen, bestimme Effekte immer und überall mit wenig bis keiner Vorbereitung abzurufen.

Ihnen als authentischer Redner empfehle sich nur auf die Gefühle zu berufen, die Sie auch empfinden.

Ist es sinnvoll jeden Effekt aus dem Effeff abzurufen?

Für mich als klassische Rhetorikerin – nein- natürlich nicht. Allerdings lebt  Überzeugungskraft vom „pathos“ – von der Leidenschaft. Wissen und Logik allein haben noch keine Frau dazu gebracht den Ring überzustreifen. Ja, es muss Leidenschaft im Spiel sein. Ja, ja ich gebe zu die eine oder andere wird es wohl aus Kalkül getan haben, aber wie war es bei Ihnen?

Zählen Emotionen und Leidenschaft in der Rede?

Ja aber natürlich! Verlassen Sie sich jedoch auf Ihre wahren Gefühle und mutieren Sie nicht für fünf Minuten Applaus zum Schauspieler – das zahlt sich nicht aus.

Viele Menschen „üben“ eine Rede. Das ist gut und richtig. Dass wir dabei auch überlegen, welche Geste, welche Körperhaltung macht hier Sinn und überzeugt, auch das gehört zur Vorbereitung. Der Nervenkitzel eines Redeauftritts, der lässt sich nur bedingt „üben“. In diesem Moment, in dem Sie „ihre Bühne“ betreten – kommt es auf Ihr Herz – auf Ihre Leidenschaft an.

Lassen Sie Gefühle zu

Trainieren Sie sich jedoch nichts an. Sonst stehen Sie am Ende tatsächlich nackt auf der Bühne.

So  gilt die alte Weisheit Ciceros auch heute: „Es ist gar nicht möglich, dass der Zuhörer Schmerz oder Hass, Neid oder Furcht empfindet, dass er sich zu Tränen und Mitleid bewegen lässt, wenn alle die Gefühle, zu denen der Redner den Richter [den Entscheider] bringen will, dem Redner selbst nicht eingebrannt und eingeprägt erscheinen. Ja, wenn es darum ging, einen erheuchelten Ausdruck des Schmerzes anzunehmen und wenn in einer solchen Rede alles falsch und durch Nachahmung vorgespiegelt wäre, dann müsste man vielleicht nach irgendeiner anspruchsvolleren Kunst Ausschau halten.“[de oratore Zweites Buch (189)]

Ein Beispiel aus der aktuellen Politik ist die Neujahrsansprache Angela Merkels. Lesen Sie in meiner Redeanalyse nach, wie es um die Leidenschaft bestellt ist.

Lassen Sie sich meine Rhetoriktipps vor allen anderen per E-Mail zu schicken.

 


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