Neujahrsansprache: Merkel fehlt der Mut zu mehr Menschlichkeit – Redeanalyse

Ich bin immer wieder estaunt wie schnell Reden interpretiert und bewertet werden. Schon vor der Ausstrahlung der Rede gab es erste Wortmeldungen. Mit meiner Analyse habe ich mir mehr Zeit gelassen und auch eine Nach drüber geschlafen.

Meine heutige Redner- und Redeanalyse widme ich der Neujahrsansprache von Dr. Angela Merkel – unser aller Bundeskanzlerin.

Redeanalyse der Neujahrsansprache 2012 Dr. Angela Merkel

Ich habe den größten Respekt vor Menschen, vor Ihnen Frau Merkel, die sich einem Millionen Publikum stellen. Daher gehe ich auch respektvoll mit der Analyse um.

Hier nun meine Analyse, welchen Eindruck die Neujahrsansprache von Dr. Angela Merkel bei mir hinterlassen hat.

Anlass der Rede: traditionelle Neujahrsrede der Bundeskanzlerin

Medium: TV-Aufzeichnung und Ausstrahlung ohne anwesendes Publikum

Zielgruppe:  Das deutsche Volk – weltweites Publikum – also auch ich.


Quelltext und Video

 

Vorgeschichte der Neujahrsansprache

Die Neujahrsansprache wird seit 1970 vom jeweiligen Inhaber oder wie in diesem Fall von der Inhaberin des Bundeskanzleramtes gesprochen – davor vom Bundespräsidenten. Beide spielten im Jahr 1970 Bäumchen wechsel dich. Quelle

Die Rede hat einen sehr hohen zeremoniellen Charakter und wird ohne Publikum aufgenommen. Ja es ist das Ziel eine staatstragende Rede abzuliefern. Theoretisch entspricht das dem Stil des „genus sublime“ – des erhabenen Stils. Eine eloquente Ausdrucksweise also, die dem Anlass, dem Publikum und dem Thema gerecht wird. Wie meine Analyse zeigen wird, stehen jedoch die Körpersprache, der Kleidungsstil, vor allem jedoch die Wortwahl und der Satzbau diesem Ziel im Wege, ja verhindern es sogar.

 

Meine Analyse konzentriert sich auf 4 Bereiche

Allgemeiner Eindruck, Hintergrundinformationen, Struktur & Aufbau sowie der Vortrag selbst.

Neujahrsansprache Dr Angela Merkel - Redeanalyse durch Judith Torma

Hingabe an die Rede und das Publikum?

Eine der wichtigsten Fragen ist: „Hat sich die Rednerin der Sache hingegeben?“ Das will ich doch stark hoffen, belegen kann ich es nicht. Denn die Rede ist weder frei gehalten, noch lässt die Rede erahnen, ob das Feuer in Frau Merkel brennt, welches Sie in Ihren Zuhörern zu entfach hofft. Dazu bedarf einer sinnvollen Betonung, welche folgende Adjektive durchaus möglich machten: „furchtbaren“, „junge“, „höchste“, „kleinen“, „niedrigsten“, „hochmodern“. Im gesamten Texten fehlen jedoch aussagekräftige und in den Bann ziehende Adjektive – so ist schein es eher ein glimmendes, klitzekleines, zaghaftes denn loderndes Feuer, welches in dieser Rede steckt. Die wärme dieses Feuers hat mich jedoch nicht erreicht und eine große Portion Aufmerksamkeit von mir gefordert, um dieser Rede bis zum Ende zu lauschen.

Kernfrage: Förderte die Rede den Zusammenhalt zwischen Thema, Zuhörerkreis und Rednerin?

Diese Frage beantworte ich mit einem klaren „Nein“.

Ein passiver Satzbau, Neutralität der angeführten Personen (Teilnehmer, Trainer, Familien, junge Frau, Unternehmen, diejenigen), die fehlende Beziehungssprache von genauen Personenbezeichnungen, Gebrauch von Personalpronomen  „wir“, „uns“, „unsere“ sowie Formulierungen, die auf ein „gemeinsames“, „verbindendes“ ja sogar „Brücken“ bildende Sprache setzten, haben ihren Weg nicht in diese Rede gefunden. Die Redenschreiber und Frau Merkel haben eine Rede geschrieben und abgelesen. Wie ein altes Sprichwort so treffend beschreibt: „Ein gemaltes Feuer wärmt nicht“ – so wenig begeistert mich als Zuhörerin eine abgelesene und für die Schreib- und Lesesprache entworfene Rede.

Natürlich entspricht die Rede im Großen und Ganzen unseren moralischen und ethischen Ansprüchen, denn seien wir einmal ganz ehrlich – wer hätte eine flammende, vom Herzen kommende Rede von Frau Merkel erwartet? Ich mit Sicherheit nicht. Durch den Rahmen, die Ankündigung und die Erwartung, die im Vornerein aufgebaut worden sind, war der Anlass der Rede klar – ausgesprochen und mit eigenen Worten aufgegriffen hat Frau Merkel ihn nicht. Mir ist nicht bewusst, ob sie mich als Person erreichen wollte, aufmuntern, anspornen, loben, bekritteln oder auf Schlimmeres vorbereiten wollte. Den Anlass der Rede kann ich nur historisch vergleichen und versuchen ihn einzuordnen.

Lohnt sich das Thema?

Na aber klar! Deswegen gab ich hier auch die fünf Punkte. Keine andere Rede im Verlauf des Jahres erhält so viel nationale wie internationale Aufmerksamkeit. Wichtig ist, der Neujahrsrede einen Fokus zu geben, ein Bonbon in Aussicht zu stellen, diese Neujahrsrede von den anderen abzugrenzen und uns, die Zuhörer in den Bann ziehen. Das vermochte Frau Merkel in meinen Augen jedoch nicht.

In diesem Analyseabschnitt beschäftige ich mich mit der Frage nach Hintergrundinformationen. Findet eine Auseinandersetzung mit dem Thema statt? Ja, doch irgendwie – zumindest gab es eine Einleitung, verschiedene Redeabschnitte, Erzählungen, Bespiele und ein wenig Persönliches.

Die Frage nach dem Hauptargument gestaltet sich schwierig, denn eine Festrede und das ist die Neujahrsansprache, will nicht überzeugen, wohl aber unterhalten und informieren.

Neujahrsansprache Dr Angela Merkel - Redeanalyse durch Judith To

Die Beispiele, die Frau Merkel hier ins Feld führt, zum Beispiel die Unterstützung der Schwächeren, die medizinische Entwicklung und Versorgung von uns Bundesbürgern und auch die wirtschaftlichen Erfolge bzw. Anstrengungen nennt Frau Merkel. Sie zählt zwei konkrete Beispiele auf. Ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Beispiele zeigt sie dabei nicht. Ich fragte mich automatisch beim ersten Hören, was ist denn normal? Muss ich hören können, um normal zu sein? Muss ich ein intensives Sportleben führen, um normal zu sein? Warum werden nur Menschen gelobt, die Angehörige pflegen, was ist mit uns jungen Eltern, den Großeltern oder sogar der ganzen Familie, die täglich zur Arbeit gehen und den Alltag bewältigen? Vielleicht ist mein Blick hier getrübt, da ich selbst in einer „Großfamilie“ mit Mann, Kind, Oma, Opa, Onkeln, Tanten und naja halt der ganzen Familie lebe. Klar bedarf da jeder Mal Pflege, also bin ich doch irgendwie angesprochen.

So aus der Vogelperspektive betrachtet empfinde ich die Beispiele jedoch als unglücklich gewählt und beim genaueren Lesen eher lobbylastig, denn an der Familie und den Menschen mit all ihren Begabungen und individuellen Stärken ausgerichtet. Schade, für mich eine vertane Chance Menschen und nicht Lobbyvertreter zu erreichen.

Story Telling als Technik

Das Label des Storrytelling streifen sich heute viele über, egal ob für Bildung und Wissensvermittlung, in Romanen oder als Unternehmenskommunikation –beliebt, oft eingesetzt und selten pointiert dargebracht. So auch hier! Fast jeder thematische Abschnitt der Rede – sei es Errungenschaften der modernen Industrie und Wissenschaft, der Finanzmärkte, Kriegswesen, Pflegenotstand oder Arbeitsmarkt – jeder Bereich bekommt seine Geschichte aufgedrückt. In meinen Augen, platt, dünn und der Thematik kaum angemessen. Hier gilt: Weniger ist mehr! Zu viele Themenbereiche in zu kurzer Zeit und mit namens- und gesichtslosen Vertretern. Hier schlagen vor allem die langen, verschachtelten, substantivierten Sätze zu buche. Schreib – aber nicht Sprechsprache. Dieser Text bildet keine Grundlage für eine gelungene Rede.

 Struktur und Aufbau stehen nicht im Verhältnis

 

Viele andere Analysten haben sich bereits über die Einleitung aufgeregt. Auch ich sage – ein anderer Einstieg wäre angemessener gewesen. Ja wir haben einen demografischen Wandel und ja 50 Jahre von irgendwas sind immer wichtig für viele Generationen – aber „Dinner for One“, „Fußball“ sowie die „Hass-Liebe“ von Deutschland und Frankreich? Werte Frau Merkel da gibt es in der Tat wertvollere und angemessene Einstiege in eine so wichtige Rede, die viele Generationen ansprechen soll. Für mich wirkt dieser Einstieg in die Rede á la Wikipedia „Wir schauen mal was 2013 alles ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat.“

Die Einleitung der Rede weckte weder Interesse, noch ließ sie vermuten worum es gehen soll. Eine Ringerzählung oder ein persönliches Erlebnis böten hier bessere Einstiege in die Thematik. Es gibt so viele geniale Einstiegsthemen – aber die platten 50iger Jahre Aufzählungen – da sage ich: Nein Danke!

Neujahrsansprache Dr Angela Merkel - Redeanalyse durch Judith To

Oh ja, wir konnten der Rede sehr leicht folgen – einfache Wortwahl – fast zu einfach. Für eine Festrede fehlte mir der Pathos in der Wortwahl, des Satzbaues und der Darbietung – diese Rede war ‚einfach‘. Beim Lesen, weniger beim Hören lassen sich Überleitungen und Gliederungen feststellen. Die Stimmführung oder Wortwahl bieten in Punkto „leicht folgen“ wenig bis  keine Unterstützung.

Nun frage ich mich, fassten die letzten Worte den Text, die Rede zusammen? In der Analyse habe ich den Verdacht, dass der Fokus, der Kern dieser Rede erst hier zum ersten Mal ausgesprochen wird – wirtschaftliches Wachstum. Beißt die Zähne zusammen, haltet durch und kommt mit immer neuen, grandiosen Idee ans Tageslicht – so interpretiere ich den letzten Abschnitt der Rede.

Die „peroratio“ – der Schlusssatz kommt dann sehr plötzlich, ohne Einleitung und wieder stilecht daher – auf ein „gesundes neues Jahr“. Dabei wünschte ich mir sehr, dass die Trennung zwischen Staat und Religion stärker beachtet wäre – politisch Korrekt ist dieser Schluss für mich nicht.

Der Vortrag lebt vom Menschen hinter der Rede

Ich frage mich, wer der Mensch Angela Merkel ist. In dieser Rede habe ich sie nicht kennenlernen dürfen. Alle Analysepunkte, die uns eine Rede verstehen lassen, liegen im Vortrag und in den Qualitäten der Vortragenden. Ja die Sprache war klar, einfach aber nicht direkt, für mich zu einfach und zu indirekt und eine korrekte Grammatik unterstreicht hier nicht die Qualität der Rednerin, sondern ist Grundlage. Vielleicht fehlt mir das Menscheln im Dialekt und der eigenen Ausdrucksweise – jeder hat doch bestimmte Formulierungen, Ausdrücke, die immer und überall dabei sein – nicht so bei dieser Neujahrsansprache. Wenn wir uns die Gestik anschauen, nicht einmal die typische „Merkel Raute“ ist zu sehen. Ich frage mich ernsthaft, wo steckt hier der Mensch Angela Merkel in dieser Rede.

Das Festreden in unserer heutigen Zeit fast immer und überall abgelesen werden – naja daran habe ich mich als Rhetorikerin schon gewöhnt und bedauere es sehr. Das die Körpersprache, die Betonung die ganze Lebendigkeit einer Redenerin jedoch durch einen Telepromter bestimmt werden – uh da gruselt es mich. Diese Rede hätte auch eine Computerstimme vortragen können – das Ergebnis wäre wohl sehr ähnlich.

 

 

Körpersprache und Aussagen stimmte nicht überein

Es gab keine signifikante Veränderung der Körpersprache und die Analyse des Gesichts gehe ich heute bewusst nicht ein. Mir fehlt der Augenkontakt und ich hatte immer das Gefühl Frau Merkel versuchte um den Telepromter herumzuschauen.

Neujahrsansprache Dr Angela Merkel - Redeanalyse durch Judith ToGroßes Potential für künftige Neujahrsansprachen sehe ich darin, wenn Frau Merkel uns als Mensch begegnet. Häufiger Augenkontakt, eine farbenfrohe Sprache, eine gehobene Wortwahl, bildhafte Ausdrückte, ausdrucksvolle Pausen, eine variierenden, spielende Lautstärke verbunden mit individueller Betonung, eben ein Feuerwerk des Kopfkinos. Dann könnte ich unter Umständen, vielleicht und mit einem Augenzwinkern von einer mitreißenden Rednerin sprechen. So haben mich die verkrampften Hände, die fehlende Gestik, die eingeschränkte Mimik und die statische Körperhaltung abgelenkt und gar nicht beeindruckt.

 

Neujahrsansprache Dr Angela Merkel - Redeanalyse durch Judith To

 

Mein Fazit:

Diese Rede ist für mich ein gemaltes Feuer und zeigt so gar keinen Mut zum Menschlichen. Alles in allem – eine gerade so befriedigende Rede – immerhin 77 von 175 möglichen Punkten.

Hören Sie die Analyse

Frage an meine Leserinnen und Leser

Welchen Eindruck hat diese Neujahrsansprache bei Ihnen hinterlassen. Fühlen Sie sich angesprochen? Haben Frau Merkels Worte sie berüht und etwas in Ihnen bewegt?

3 responses on "Neujahrsansprache: Merkel fehlt der Mut zu mehr Menschlichkeit - Redeanalyse"

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