Gestern abend war ich sehr lange online und plötzlich hieß es das @einAugenschmaus bzw. Julia Probst ihr Konto geschlossen hätte. Das hat mich sehr überrascht, denn als ich hörte, dass sie ins Fernsehen geht, dachte ich viel Glück und tat es damit ab.

Das es einen riesigen Shitstrom geben würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Also stellte ich mir die gleiche Frage wie Cem Borak – wo gibt es das Bild & Tonmaterial – sonst erlaube ich mir kein Urteil. Fündig wurde ich in der ZDF Mediathek unter dem Suchbegriff Login, vermute jedoch, dass dieses Material in 7 Tagen nicht mehr online sein wird – schade!

Wer ist Julia Probst?

Für mich ist sie eine Twitterbekanntschaft, die mich mit dem Lippenleseservice eingefangen hat. Dass sie dann auch noch Deutsch spricht und schreibt, sowie English und die Gebärdensprache spricht – wow , ich war sehr beeindruckt. Wie viele Deutsche beherrschen weder die eigene Muttersprache, geschweige denn eine Fremdsprache.

Da ich vor 15 Jahren selbst den Versuch unternahm die Amerikanische Gebärdensprache zu erlernen (ASL) war sie mir von Anfang an sehr sympatisch und das war bevor Sie „Piratin“ wurde. Unpolitisch war Sie dennoch nie, denke ich.

Mit dem Internet veränderte sich ihr Leben

In ihrem Blog las ich, dass mit dem Internet, der E-Mail, dem Blog und dann natürlich auch mit Twitter und Facebook ihr Leben eine Selbständigkeit erfahren hat, die sie vorher nicht kannte. Immer auf einen Übersetzer angewiesen zu sein – das ist in der Tat in vielen Situationen hinderlich.

Die Wut im Bauch & ein dickes Fell

Die Wut, Enttäuschung und auch das Gefühl ich will aufgeben – das lese ich hier ganz stark in Ihrem Blogpost: Die andere Seite der Medallie. In meinem Beruf als Rhetorikdozentin habe ich mich bewusst entschieden in die Öffentlichkeit zu gehen, habe aber auch die Situationen erlebt, in denen ich kein dickes Fell hatte. Das ich nicht Politierkin werde, obwohl ein großes Interesse und Engagement in den 90er mein Leben prägte und auch mein Studium Lust auf mehr machte (ich studierete Politikwissenschaften in Tübingen), hängt damit zusammen, wie die Öffentlichkeit und damit beziehe ich mich jetzt auf einzelne angreifende Personen auf mich und mein Auftritte reagieren.

Für mich war mein dünnes Fell der Auslöser meinen Berufswunsch der Rhetorikerin und der Dozentin nachzugehen und das erfolgreich, die große Öffentlichkeit – wie dem Fernsehen – meide ich bewusst.

Der Auftritt im ZDF Format Login

Nachdem ich mir die Aufzeichnung heute morgen anschaute, ja ich stimm voll und ganz zu. Die Person Julia Probst kommt gut rüber. Kompetent, überzeugt.

[warning]Allerdings empfinde ich das Format schrecklich und die Redakteure von ZDFLogin haben noch eine Menge Arbeit vor sich. [/warning]

Die Stimme macht Stimmung

Mit dieser Überschrift läutete ich vor einiger Zeit einen Artikel für Webinare ein. Auch hier gilt die Stimme macht Stimmung und löste wilde Beschimpfungen, Häme und persönliche Angriffe aus, die sich an eine Person richten, die sich trotz einer physischen Einschränkung aufgemacht für unser politisches Deutschland einzustehen.

Albert Mehrabian zog in den 1970er Jahren den Schluss, dass die Bewertung der Stimme 38% bei der Bewertung von Glaubwürdigkeit ausmacht, 55% hängt von der Körpersprache ab und mit nur 7% schlägt sich nieder was wir in Worten ausdrücken.

Wenn wir dem Glauben schenken, dann hat die Stimme von Julia Probst großen Einfluss darauf, wie Menschen sie wahrnehmen. Die Schmähkommentare auf Twitter zeige aber auch die Ignoranz und die mediale Verblendung von Zuhörern, wenn die Schwingungen der Stimme alles sind worauf geachtet wird.

Und ich weiß, dass meine Stimme auch unkrank nicht perfekt ist. Aber sie ist meine Stimme. Quelle

Glaubwürdigkeit und Charisma bilden ein Gesamtbild

 

Auf Twitter verfolgte ich die Vorbereitungen, die @einAugenschmaus mit uns teilte und dachte mir nur so – schade, dass ich in einem anderen Projekt stecke und nicht zu schauen kann. Ihre Nervösität und das Lampenfieber aber auch die Vorbereitungen mit Make up etc. nahm ich so wahr wie bei vielen anderen Menschen, die ich in den letzten Jahren begleitete. Ganz normal – wenn es denn eine normale Nervösität und ein normales Lampenfieber gibt.

Das Gesamtbild muss doch stimmen! Für meine Einschätzung stimmt es. Eine junge Frau brennt für ein Thema, das ihr am Herzen liegt und tritt dafür ein und auf. Hut hab, für den Mut ins Fernsehen zugehen.

Ich muss mich damit wohlfühlen, wenn ich mich irgendwo präsentiere – und wenn ich mich in der Lautsprache in der Kommunikation unter Hörenden wohlfühle, dann ist das eben so. Es macht mich nervös zu gebärden, wenn ich weiß, dass die Person hörend ist und keine Gebärdensprache kann. Und die Situation live im Fernsehen zu sein, war nochmal ganz anders als bei der Re:publica, wo man relativ spontan sein kann und mehr von der Atmosphäre mitbekommt. Quelle

Das Fernsehen ist noch nicht für Gehörlese bereit – ZDF zeigt großen Nachholbedarf

Das rhetorische Setting ist für den Erfolg von jeder Rede, jeder Diskussion ausschlaggebend. Ein größeres Armutszeugnis, als die bezwängte Aufteilung für das Gespräch mit Julia Probst gibt es gar nicht.

Nicht am großen Tisch, nicht in einem geschützten Raum, es wirkt wie zwischen Tür und Angel – wenig Platz nach rechts und links.

Der Stehtisch war wohl für den Moderator eingestellt, kaum aber für zwei Gesprächspartnerinnen, die gefühlte 30 cm kleiner waren.

 

 

Die Auswahl des Platzes für den schlichten Stehtisch, als auch des Moderators empfinde ich als unpassend und wäre unter meiner Regie so nicht zu Stande gekommen. Die Wahl der weiblichen Moderatorin hätte sicher weniger rhetorische Widerstände heraufbeschworen.

Gelungen sind sicherlich die großen Leinwände und das pointierte herausstellen Ihres Gesichts – wunderbar anzuschauen. Es gibt aber viel Nachholbedarf was die Einstellungen der Mikrofone und der Lautstärke in der Ausstrahlung angeht.

Ins Wort fallen zeugt von ganz schlechter Kinderstube

Je öfter ich mir die betreffenden Szenen zur Analyse anschaue, desto eher habe ich den Eindruck, dass der Moderator ganz schlecht auf seine Gesprächspartnerin vorbereitet war. Jetzt würde mich interessieren, ob der Ablauf technisch und menschlich geübt wurde, da @einAugenschmaus jedoch nicht mehr twittert, kann ich nicht nachfragen.

Die Positionierung der Gebärdensprachdolmetscherin, Julia Probst und des Moderators ist dem Gespräch nicht förderlich. Julia Probst muss sich vom Moderator abwenden, um verstehen zu könnnen. Damit schließt sich die direkte Kommunikation aus. Das gesamte rhetorische Setting muss in anderen Situationen anders gestaltet werden. Da stimmte nicht nur die Technik nicht (Mikrofon verschwand ins Nirwana), sondern der räumliche Gestaltung zeugt von geringem Aufwand in der Vorbereitung.

 

Unhöflich, unangemessen und störend empfand ich, dass beide Moderatoren sprachen, als übersetzt wurde bzw. Frau Probst sprach. Das passiert zwar in anderen Sendungen auch, aber eher um den anderen Mundtot zu machen. Hier zeigt es auf Kosten von Frau Probst nur die Naivität und Unreife des Teams hinter ZDF Login, wenn es um die Vorbereitung und Gestaltung von Gesprächen, gar Diskussionen mit gehörlosen Menschen geht. Aber das Gespräch war ein Anfang…

Der Ton macht die Musik

Da war einiges nicht stimmig. In meiner Zeit in Amerika hatte ich häufiger Kontakt mit Gehörlosen und war wenig überrascht als ich die Stimme von Julia Probst zum ersten Mal hörte. Gerade weil ich ihr schreibend & lesend schon so oft folgte.

Für weniger erprobte Menschen war es sicherlich eine gewöhnungsbedürftige Erfahrung. Das zeigt mir jedoch nur wieder, wie wenig Menschen mit Einschränkungen im Fernsehen auftreten und vertreten sind. Wir, die Zuschauer sind es nicht gewohnt Julia Probst zu zuhören – für Sie und ihre nähere Umgebung ist das ihre Alltagssprache. Im Fernsehen natürlich getrieben von den normalen Lampenfieber Effekten.

Im zweiten Teil der Diskussion empfand ich ihre Stimme persönlich als wesentlich tiefer und ruhiger. Sicherlich war da die erste Nervosität verflogen, der Spaß am Auftritt und auch weiteres Selbstvertrauen gehören dazu.

Was ist denn Normal

Erinnert sich noch jemand an Herrn Profalla? Seine Interviews im ZDF und anderswo verlangten auch immer mein volle Aufmerksamkeit, denn auch seine Stimme ist sehr gewöhnungsbedürftig. Sollten wir für ihn jetzt auch einen Shitstorm lostreten?

Aber nein das geht ja nicht, er ist ja CDU, männlich und etabliert…..

Was bringt die Zukunft

Hoffentlich mehr von Julia Probst. Ob ich sie als Piratin wählen würde, eher unwahrscheinlich, dann lieber als Parteilose, dafür fehlt es in Deutschland dann aber wohl an Wählerschaft. Ich wünsche ihr, dass Sie es in den Bundestag schafft und das wir noch viel von ihr und anderen Gehörlosen hören, denn ich stimme diesem Tweet voll und ganz zu:

 

Ich wünsche mir mehr als nur das Normale und den normalen Mensche zu sehen und zu hören. Es täte dem Verständnis und der Inklusion, wie es so schön Neu-Deutsch heißt, sehr gut mehr von Julia Probst und mehr von Menschen zu hören, die von der Norm abweichen. Deshalb schließe ich mit diesem Tweet…

p.s.: Wer Rechtschreibfehler findet, der darf Sie gern behalten, denn mit meiner Einschränkung gehören sie zu meinem Leben dazu und ich teile sie dennoch mit anderen. Jetzt ziehe ich mein dickes Fell an, denn sollte dieser Artikel gelesen werden, werde ich es wohl bitter nötig haben.

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